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Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) richtet seit dem Jahr 2000 (Das Jahr der Physik) im Rahmen der Initiative Wissenschaft im Dialog die so genannten Wissenschaftsjahre aus. Sie sollen einen Austausch zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit ermöglichen und das Interesse einer breiten Öffentlichkeit an Wissenschaft zu verstärken und junge Menschen für wissenschaftliche Themen zu interessieren.

Und wer wusste es nicht: Das Jahr 2007 war das Jahr der Geisteswissenschaften. Quasi täglich in der Uni, in den Seminare und Zeitungen, ja in der „breiten Öffentlichkeit“, in den Schulen und auf den Straßen hat man nichts davon mitbekommen.

Nein, falsch. Ich erinnere mich an einen Wettbewerb der Bonner Universitätszeitung forsch. Das hieß es: „Warum brauchen wir Geisteswissenschaften? Schreiben Sie einen Essay zu dem Thema. Die besten werden in der forsch veröffentlicht und erhalten einen Preis. Sie können Ihren Beitrag auch anonym einreichen.“

Wow, das ist doch was. Das Bonner Rektorat würde gerne wissen, warum man Geisteswissenschaften braucht. Und damit sich keiner schämen muss, kann man die Lösung zu diesem wissenschaftlichen Problem sogar anonym einreichen. Es verwundert nicht, dass die Bonner Unileitung diese Frage lieber von der Allgemeinheit beantworten lässt. Sie kann es nämlich schon lange nicht mehr.

Ich frage mich wie eine Gesellschaft aussehen soll in der Geisteswissenschaftler fehlen. Wilhelm Dilthey (Einleitung in die Geisteswissenschaften 1883) sah ihren Auftrag darin, den Zusammenhang zwischen “Leben, Ausdruck und Verstehen” zu untersuchen. Wer will darauf verzichten? Wer kann darauf verzichten?

„Die Geisteswissenschaften reflektieren die kulturellen Grundlagen der Menschheit. Und weil sie ihre Ziele aus sich heraus bestimmen, können sie auch Brücken schlagen zwischen den Kulturen.“ (BMBF)

Eine pluralistische Gesellschaft ist die Garantie für Demokratie und für ein friedliches Zusammenleben. Was vor 80 Jahren in Deutschland passierte, wäre in einer pluralistischen Gesellschaft, in der Freiheit ein elementarer und unumstößlicher Wert ist, kaum möglich gewesen.

Mit Erschrecken und Wehmut sehe ich nun, wie Fachbereiche der Geistenwissenschaftlichen Fakultät im Jahr 2007 geschlossen oder verkleinert werden: Die Fächer, die vielleicht auf dem Arbeitsmarkt nicht die Vorzeige-Karriere garantieren. Einmal abgesehen davon, dass es mir anmaßend erscheint, die Anforderungen des Arbeitsmarktes als prognostizierbar zu erachten, frage ich mich, ob wir eine Gesellschaft anstreben, in der jeder Studienabgänger bereits die Karriereleiter fest im Blick hat und am besten schon die erste Stufe geklettert ist. Vielleicht ist eine Gesellschaft und ein Bildungssystem, das auch den Studierenden der sogenannten „Orchideenfächer“ eine gute Ausbildung garantiert, viel erstrebenswerter, als eine, die sich nur an Arbeitsmarkt und Karriere orientiert.

Wie konnte es so weit kommen, dass ich hier versuche etwas zu verteidigen, was nicht anzuzweifeln ist. Wie kann man auch die Lehre des Lebens, die Deutungen der Welt und die Ordnung des Staates und der Gesellschaft in Frage stellen?

Liebes Bundesministerium nach sieben naturwissenschaftlichen Jahren (wie Sie selbst sagen), konnten Sie sich dazu durchringen das Jahr 2007 den Geisteswissenschaften zu widmen. Ich bin stolz auf Sie. Jetzt hätten Sie ja wieder Ruhe vor dem lästigen Thema und können sich in den nächsten sieben Jahren wieder mit den Naturwissenschaften beschäftigen. Ach, nein, da Sie ja so schlau waren und die Geisteswissenschaften direkt im Rundumschlag „gewürdigt“ haben, können Sie jetzt sogar erst einmal jeden einzelnen Fachbereich der Naturwissenschaften (womit sie ja auch so schön begonnen hatten) abarbeiten.

Ein Jahr der Anglistik, Germanistik, Philosophie oder Politologie hätte nach dem Jahr der Informatik 2006 ja auch irgendwie komisch ausgesehen…

Das Jahr 2008 ist übrigens das Jahr der Mathematik. Meine Prognose für 2009: Biologie.

Eine Antwort zu “Ein etwas anderer Jahresrückblick.”

  1. Schlotty sagte:

    Ich sehe die Entwicklung in den Geisteswissenschaften ähnlich unerträglich wie du. Dennoch möchte ich in deine Überlegung einbringen: Wie viele Studierende sind denn noch daran interessiert, Geisteswissenschaften zu studieren? Will nicht jeder VWL, Jura oder Medizin machen, um sich die besten Verdienstmöglichkeiten zu sichern? Und warum wollen sie keine “Orchideenfächer” studieren? Ist doch klar: In der Schule werden sie auf solche nicht vorbereitet, dort werden sie nicht einmal erwähnt. Es sollte also angefangen werden, in der Schule schon den ersten Stein zu legen und Geisteswissenschaften als interessant zu vermitteln und nicht nur als Wahlkurs..

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