cimg0487k.jpg

Ich stehe in der falschen Schlange und ich habe eine Pflichtvorlesung montags um 8.45 und es gibt kein Toilettenpapier auf dem Uni-Klo und der Mensch vor mir bekommt die letzte Pizza in der Mensa und für mich bleiben die “köstlichen” Rosenkohl-Irgendwas mit den delikaten Salzkartoffeln, verfeinert mit Tiefgekühltem Schnittlauch. Lecker!

Der PC stürtzt ab und mein Fahrrad wird geklaut und ich habe vergessen Wasser mitzunehmen und nur eine 3,3 in Mathe und Meditonsin kostet 9,50€ und 70 € Strom-Rechnung-Nachzahlung.

Der neue Pulli läuft ein und die Tomaten im Aldi sind schon wieder ausverkauft und mir fährt eine alte Kuh mit dem Einkaufswagen in die Verse und ich habe Kopfschmerzen und die CDU gewinnt in Hamburg und mir fällt ein Glas runter und ich verfahre mich und ich muss bügeln und meine Pflanze geht kaputt und die Menschen in der Fußgängerzone laufen langsam vor mir her und ich verliere meine Sonnenbrille und das Popcorn im Kino ist kalt und mein Handy-Akku ist leer und Magdalena Neuner schießt daneben und ich bekomme einen Pickel und ich mein letzter Eintrag auf meinem Blog wurde nicht kommentiert.

Pause.

Wie wäre es wohl keine Schlangen zu haben, keine Straßen… Schön, ja. Wie wäre es keine Uni zu haben… Gechillt, ja. Und keine Toiletten und warme Mahlzeit am Tag, nicht mal eine in der Woche? Keinen PC? Kein Telefon? Kein Blatt, kein Stift, kein Wasser? Keinen Pullover? Kein Fortbewegungsmittel, kein Kino, keine Bildung, keine Medikamente, keine ärztliche Versorgung? Keine Demokratie?


Immer wieder merke ich, dass wir uns zu selten fragen, ob wir nicht zu anspruchsvoll geworden sind. Ob wir nicht verlernt haben, all` den Reichtum wertzuschätzen, uns bewusst zu machen wie privilegiert wir sind auf dieser Welt. Wir nehmen all` das als Selbstverständlichkeit wahr anstatt uns zu fragen für wieviele Millionen Menschen, nichts von dem jemals Selbstverständlichkeit werden wird. Das soll nicht heißen, dass ich unseren Lebensstil als vorbildlich oder erstrebenswert ansehe (oft denke ich genau gegenteiliges), doch dem Glück uns keine Sorgen darüber machen zu müssen, ob wir unsere Kinder einmal zur Schule schicken können, ob wir noch genug Geld für Medikamente haben, ob die Mahlzeiten für die Familie ausreichen… das sollten wir uns von Zeit zu Zeit bewusst werden.

März 22, 2008

j.jpg

“Unless you’re ashamed of yourself now and then, you’re not honest.”

imgp2032.jpg

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) richtet seit dem Jahr 2000 (Das Jahr der Physik) im Rahmen der Initiative Wissenschaft im Dialog die so genannten Wissenschaftsjahre aus. Sie sollen einen Austausch zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit ermöglichen und das Interesse einer breiten Öffentlichkeit an Wissenschaft zu verstärken und junge Menschen für wissenschaftliche Themen zu interessieren.

Und wer wusste es nicht: Das Jahr 2007 war das Jahr der Geisteswissenschaften. Quasi täglich in der Uni, in den Seminare und Zeitungen, ja in der „breiten Öffentlichkeit“, in den Schulen und auf den Straßen hat man nichts davon mitbekommen.

Nein, falsch. Ich erinnere mich an einen Wettbewerb der Bonner Universitätszeitung forsch. Das hieß es: „Warum brauchen wir Geisteswissenschaften? Schreiben Sie einen Essay zu dem Thema. Die besten werden in der forsch veröffentlicht und erhalten einen Preis. Sie können Ihren Beitrag auch anonym einreichen.“

Wow, das ist doch was. Das Bonner Rektorat würde gerne wissen, warum man Geisteswissenschaften braucht. Und damit sich keiner schämen muss, kann man die Lösung zu diesem wissenschaftlichen Problem sogar anonym einreichen. Es verwundert nicht, dass die Bonner Unileitung diese Frage lieber von der Allgemeinheit beantworten lässt. Sie kann es nämlich schon lange nicht mehr.

Ich frage mich wie eine Gesellschaft aussehen soll in der Geisteswissenschaftler fehlen. Wilhelm Dilthey (Einleitung in die Geisteswissenschaften 1883) sah ihren Auftrag darin, den Zusammenhang zwischen “Leben, Ausdruck und Verstehen” zu untersuchen. Wer will darauf verzichten? Wer kann darauf verzichten?

„Die Geisteswissenschaften reflektieren die kulturellen Grundlagen der Menschheit. Und weil sie ihre Ziele aus sich heraus bestimmen, können sie auch Brücken schlagen zwischen den Kulturen.“ (BMBF)

Eine pluralistische Gesellschaft ist die Garantie für Demokratie und für ein friedliches Zusammenleben. Was vor 80 Jahren in Deutschland passierte, wäre in einer pluralistischen Gesellschaft, in der Freiheit ein elementarer und unumstößlicher Wert ist, kaum möglich gewesen.

Mit Erschrecken und Wehmut sehe ich nun, wie Fachbereiche der Geistenwissenschaftlichen Fakultät im Jahr 2007 geschlossen oder verkleinert werden: Die Fächer, die vielleicht auf dem Arbeitsmarkt nicht die Vorzeige-Karriere garantieren. Einmal abgesehen davon, dass es mir anmaßend erscheint, die Anforderungen des Arbeitsmarktes als prognostizierbar zu erachten, frage ich mich, ob wir eine Gesellschaft anstreben, in der jeder Studienabgänger bereits die Karriereleiter fest im Blick hat und am besten schon die erste Stufe geklettert ist. Vielleicht ist eine Gesellschaft und ein Bildungssystem, das auch den Studierenden der sogenannten „Orchideenfächer“ eine gute Ausbildung garantiert, viel erstrebenswerter, als eine, die sich nur an Arbeitsmarkt und Karriere orientiert.

Wie konnte es so weit kommen, dass ich hier versuche etwas zu verteidigen, was nicht anzuzweifeln ist. Wie kann man auch die Lehre des Lebens, die Deutungen der Welt und die Ordnung des Staates und der Gesellschaft in Frage stellen?

Liebes Bundesministerium nach sieben naturwissenschaftlichen Jahren (wie Sie selbst sagen), konnten Sie sich dazu durchringen das Jahr 2007 den Geisteswissenschaften zu widmen. Ich bin stolz auf Sie. Jetzt hätten Sie ja wieder Ruhe vor dem lästigen Thema und können sich in den nächsten sieben Jahren wieder mit den Naturwissenschaften beschäftigen. Ach, nein, da Sie ja so schlau waren und die Geisteswissenschaften direkt im Rundumschlag „gewürdigt“ haben, können Sie jetzt sogar erst einmal jeden einzelnen Fachbereich der Naturwissenschaften (womit sie ja auch so schön begonnen hatten) abarbeiten.

Ein Jahr der Anglistik, Germanistik, Philosophie oder Politologie hätte nach dem Jahr der Informatik 2006 ja auch irgendwie komisch ausgesehen…

Das Jahr 2008 ist übrigens das Jahr der Mathematik. Meine Prognose für 2009: Biologie.

… I´ve ever filmed?

img_6398.jpg

Lasst sie mir, meine Liebe zur Philosophie.

Aber lehrt mich nicht Dinge, die man nicht lehren kann, da sie so tief und so weit sind, dass eine Wissenschaft darüber fraglich, wenn nicht paradox wäre.

Ich will mich bilden und lernen, ich will verstehen, aber nicht Dinge, die meine Seele und mein Herz erzählen und deren Wahrheit für mich absolut ist.

Lehrt mich Wissenschaft, die Wissen über Dinge schafft, die offensichtlich und erklärbar sind.

Etwas Handfestes! Nichts Gedankenfreies!

Sie wird mir noch genommen, meine freie Sehnsucht nach Poesie, nach Philosophie, meine stetige Begierde nach dem, was ich als „Mensch-sein“ bezeichne.

Meine Leidenschaft entreißt ihr mir, wenn ihr sie mir aufdrängt und mich mit ihr einsperrt.

Gedanken einzusperren ist doch so widersinnig, so dumm!

Es ist wie mit dem Spaß am Schwimmen. Man nimmt ihn den Kindern, indem ihr sie dazu zwingt etwas unter Druck zu tun, was doch druckfrei bleiben sollte.

Es wird immer Dinge geben, die uns dann genommen werden, wenn man ihnen die Freiheit entzieht.

* Inzwischen habe ich gelernt und verstanden, dass ich in einem Raum doch frei sein kann, denn: Die Gedanken sind frei. Und nun erwarte ich (wie aus einem der ersten meiner Blog-Einträge zu entnehmen), dass meine Kinder diese Erkenntnis früher als ich erlangen…

Zitat der Woche.

März 19, 2008

forte-village-garden-club-058.jpg

“Wer in der Arbeit bloß einen reinen Kostenfaktor sieht, dessen Preis so weit wie möglich gedrückt werden muß, der hantiert mit sozialem Sprengstoff, der rüttelt an den Grundfesten unserer Zivilisation.”

Johannes Rau (1931-2006), dt. Politiker (SPD)
 —-
Schön, wenn sich Politiker verschiendener Parteien (s.u.: Geißler) und ich sich so einig sind.
—-

Wer macht denn so was?

März 18, 2008

dscf1804.jpg

dscf1794k.jpg dscf1797l.jpg

Eine fürchterliche Nachricht erreichte mich heute aus meiner lieben Stadt Bonn: Mein Fahrrad wurde geklaut!!! Ich bin zutiefst erschüttert. Wer klaut denn bitte mein Fahrrad? Es ist doch unverkennbar, dass es mein Fahrrad ist: Auf dem Schutzblech steht in Glitzersteinchen “ALINA”, die Namen der zauberhaften Schenkerinnen stehen liebvoll in weiß gepinselt auf dem Rahmen. Der Sattel ist mit “wunderherrlich” (Insider ;-)) beschriftet und sowieso hat dieses Fahrrad jegliche Individualität durch mich erlangt: Es wurde schon dreimal vom Polizisten Grün (so heißt er wirklich) angehalten, es wurde von meiner Mama und mir über den Weihnachtsmarkt getragen (Ich hatte den Schlüssel vergessen und konnte es nicht aufschließen.), es hat sich mit mir schon auf die Schnauze gelegt und schon Aldieinkäufe im Wert von 30 € nach Hause gebracht. Es hat mich schon hunderte Kilometer durch Bonn gefahren und mir dabei jegliche Missachtung der Verkehrsordnung verziehen. Der Lenker ist schief und der Korb ist mit einem Zahlenschloss befestigt, dessen Code ich selber nicht erkenne. Die Klingel ist nicht mehr richtig fest und rutscht immer nach unten. Es ist augenscheinlich: Das war mein, und nur mein, Fahrrad!!

Und jetzt ist es weg!!! Wer auch immer es nun besitzt…

… ich werde um mein Fahrrad kämpfen!!!

Wahlweise gestatte ich es auch, es einfach wieder vor den A……ring 5 in Bonn zu stellen. So könnten sich beide Parteien den Kampf ersparen. Quasi eine Win-Win-Situation. Danke.

Halbzeit.

März 18, 2008

img_7170k.jpg

img_7195.jpg

img_7165j.jpg

Ich bin jetzt seit vier Wochen in Berlin. Damit beginnt nun die zweite Halbzeit. Zeit ein Resumé zu ziehen:

Ich beschränke mich auf die Dinge, die außergewöhnlich, neu oder einmalig in meinem Leben hier sind:

Ich höre Radio.

Ich habe dreimal einen Platten am Fahrrad eigenhändig repariert.

Ich habe gebacken.

Ich bin durch einen Schneesturm gefahren.

Ich halte an roten Ampeln. Manchmal.

Ich lerne nette Berliner kennen. Viele nette Berliner.

Ich brauche Stadtpläne, um mich zurecht zu finden, um sie dann aber zu zerreißen, um mein Missachten derer zu bekunden.

Ich habe einen männlichen Mitbewohner.

Ich muss meine Nicht-Raucher-Argumente neu überdenken.

Ich fahre Fahrrad ohne ein Ziel zu haben.

Ich erlebe wie (m)ein Zimmer in 45 Minuten zu einem erstklassigen Partyraum umfunktioniert wird.

Ich lerne Menschen kennen, die in der DDR ihre Kindheit verbracht haben.

Sooo… das soll`s erst einmal gewesen sein, zur Halbzeit. Ich freue mich auf eine spannende zweite Hälfte.

… mag man von den Künstlerinnen halten, was man will…

imgp2026.jpg

… möchte ich Heiner Geißler (CDU-Politiker, Globalisierungsgegner und Attac-Mitglied) zitieren:

“In der globalen Wirtschaft herrscht die pure Anarchie. Die Gier zerfrisst den Herrschnern ihre Gehirne.

[...]

Nicht das Gespenst des Kommunismus, vielmehr die Angst geht um in Europa – gepaart mit Wut, Abscheu und tiefem Misstrauen gegenüber den politischen, ökonomischen und wissenschaftlichen Eliten, die ähnlich den Verantwortlichen in der Zeit des Übergangs vom Feudalismus in die Industriegesellschaft offensichtlich unfähig sind, die unausweichliche Globalisierung der Ökonomie human zu gestalten.

Unter Berufung auf angebliche Gesetze des Marktes reden sie vielmehr einer anarchischen Wirtschaftsordnung, die über Leichen geht, das Wort. 100 Millionen von Arbeitslosigkeit bedrohte Menschen in Europa und den USA und 3 Milliarden Arme, die zusammen ein geringeres Einkommen haben als die 400 reichsten Familien der Erde, klagen an: die Adepten einer Shareholder-Value-Ökonomie, die keine Werte kennt jenseits von Angebot und Nachfrage, Spekulanten begünstigt und langfristige Investoren behindert. Sie klagen an: die Staatsmänner der westlichen Welt, die sich von den multinationalen Konzernen erpressen und gegeneinander ausspielen lassen. Sie klagen an: ein Meinungskartell von Ökonomieprofessoren und Publizisten, die meinen, die menschliche Gesellschaft müsse funktionieren wie DaimlerChrysler, und die sich beharrlich weigern, anzuerkennen, dass der Markt geordnet werden muss, auch global Regeln einzuhalten sind und Lohndumping die Qualität der Arbeit und der Produkte zerstört.

[...]

Wo bleibt der Aufschrei der SPD, der CDU, der Kirchen gegen ein Wirtschaftssystem, in dem große Konzerne gesunde kleinere Firmen wie Kadus im Südschwarzwald mit Inventar und Menschen aufkaufen, als wären es Sklavenschiffe aus dem 18.Jahrhundert, sie dann zum Zwecke der Marktbereinigung oder zur Steigerung der Kapitalrendite und des Börsenwertes dichtmachen und damit die wirtschaftliche Existenz von Tausenden mitsamt ihren Familien vernichten? Den Menschen zeigt sich die hässliche Fratze eines unsittlichen und auch ökonomisch falschen Kapitalismus, wenn der Börsenwert und die Managergehälter – an den Aktienkurs gekoppelt – umso höher steigen, je mehr Menschen wegrationalisiert werden. Der gerechte, aber hilflose Zorn der Lohnempfänger richtet sich gegen die schamlose Bereicherung von Managern, deren »Verdienst«, wie sogar die FAZ schreibt, darin besteht, dass sie durch schwere Fehler Milliarden von Anlagevermögen vernichtet und Arbeitsplätze zerstört haben.

[...]

Nur Dummköpfe und Besserwisser können den Menschen weismachen wollen, man könne auf die Dauer Solidarität und Partnerschaft in einer Gesellschaft aufs Spiel setzen, ohne dafür irgendwann einen politischen Preis bezahlen zu müssen. Warum wird tabuisiert und totgeschwiegen, dass es eine Alternative gibt zum jetzigen Wirtschaftssystem: eine internationale sozial-ökologische Marktwirtschaft mit geordnetem Wettbewerb?”

erschienen in der Zeit, 47/2004: “Wo bleibt Euer Aufschrei?”