Durch die Glasscheibe kann ich in den Raum schauen. Meinen Raum. Es spiegelt und ich halte die Hände um meine Augen um besser erkennen zu können.

Es gibt jetzt einen großen Fernseher. Dort wo früher die “Jungs-Ecke” war. Ein großer Teppich lag da damals, der mit einem Straßennetz bedruckt war, so dass die Jungs mit den Spielautos und -traktoren die “Straßen abfahren” konnten. Die Autos waren uralt, bei manchen rollten die Räder nicht einmal, bei vielen waren die Seitenspiegel abgebrochen und beim Rest konnte man die ursprüngliche “Lackierung” gar nicht mehr erkennen. Aber sie taten, wozu sie gemacht waren. Sie beschäftigten, die erzählten Geschichten oder ließen welche erzählen.

In der Mitte stand ein großer runder Tisch, an dem wir alle gemeinsam frühstückten und malten oder spielten. Kleine Stühle standen drum herum. Heute stehen da Einzeltische. Gleichmäßig angeordnet mit jeweils zwei Stühlen. Es sieht aus wie in der Schule. Die Tische und Stühle sind auf den Fernseher ausgerichtet. Da die neue Tischanordnung viel mehr Platz benötigt, gibt es keine Puppenecke mehr. Die Puppen waren damals in ungefähr demselben Zustand wie die Autos. Wir hatten alle unsere Lieblingspuppe. Selten gab es Streit. Liebevoll gaben wir ihnen Namen. Das führte sicherlich zu regelmäßigen Identitätskrisen bei den Puppen.

An der Wand hing ein “Putzplan”: Jeder hatte ein Zeichen. Ich war ein Tannenbaum. Eigentlich ein doofes Zeichen. Aber ich liebte es. Ein Kind war für die Teller, eins für die Tassen, eins für das Besteck zuständig. Jetzt sehe ich keinen Putzplan mehr. Die Wände sind kahl, ein paar Schattenbilder sind zu sehen. Das sieht komisch aus so in einer Reihe. Es erinnert an die meist gesuchten Straftäter im Profil. Das Regal mit den Büchern und Spielen ist auch nicht mehr da und die Kuscheltiere und das orange Sofa auch nicht. Zum ersten Mal nehme ich bewusst den sterilen Boden wahr. Ob der früher auch so war, weiß ich nicht. Dafür gab`s im Raum zu viel zu entdecken, zu erleben.

Es macht mir Angst das zu sehen. Weil ich nicht weiß, ob die Blicke eines Kindes, das ich damals war, so verschieden sein können von jenen, die heute erschrocken den Raum streiften, in dem ich einen Großteil meiner frühen Kindheit verbrachte.

Oder ob sich in nicht einmal 20 Jahren so viel ändern konnte, ändern durfte?

Ich halte die Hände nicht mehr um meine Augen. Ich will nicht mehr erkennen können. In der Scheibe spiegelt sich die alte große Eiche. Sie steht so da wie damals. Vor 20 Jahren.

4 Antworten zu ““Schaufenster”-Blicke.”

  1. Schlotty sagte:

    Schöne Beobachtungen!
    Aber ist es nicht auch gut, dass sich etwas verändert hat? Dass nicht alles stehengeblieben ist, 20 Jahre lang? Dass es sich den Bedürfnissen der Benutzenden untergeordnet hat und nicht auf seinem Sein beharrt hat, was Unbrauchbarkeit nach sich gezogen hätte?

  2. MH sagte:

    Es mag vielleicht sentimental klingen, aber die globalisierte Leistungsgesellschaft macht aus uns emotionale Krüppel. Der unvollkommende Mensch; die perfekte Arbeitsdrohne!

    Schon unsere Kinder (ja auch wenn ich noch keine habe, sage ich unsere) werden auf Leistung gedrillt. Sie sollen schnell schreiben, lesen und rechnen lernen. Hastig sollen die Grundlagen gelegt werden, um im internationalen Karrierewettbewerb - the modern survival of the fittest - bestehen zu können. Das schlichte “Kind sein” hingegen wird immer seltener zugelassen.

    Rasant wir vorwärts geeilt. Ein wahnsinn Tripp. “Bitte nicht nach links, rechts oder gar zurück schauen! Sie könnte straucheln oder stürzen.”
    Vieles bleibt dabei auf der Strecke.
    Emotionen, Ideale und Selbstbewusstsein, Lebensfreude und Glück.

    Ich kann doch nur nur wissen, wer ich bin, wohin mein Weg füht und was ich will, wenn ich ab und zu inne halte und mich umschaue. Glück und Lebensfreude ist nur zu erfahren, wenn ich einfach mal stehen bleiben und im Moment versinken kann.
    Keine Zeit dafür.

    Aus Menschen werden perfekte Boliden in diesem irrwitzigen Rennen. - Welcome to the survival of the sickest.

  3. Anne sagte:

    Total schön geschrieben! - Ich bin beeindruckt.

  4. schroeder sagte:

    Fast 20 Jahre später… ich lese ich in diesem anrührenden Artikel, dass du im Kindergarten mit Puppen gespielt, ihnen Namen gegeben hast ! ? Ich staune ….. das muss an dem Gruppenzwang gelegen haben, hast du zu hause doch so gar kein Herz für Puppen gehabt - irgendwann habe ich’s gelassen, das mit dem “Puppenschenken”!
    Ich gehe jetzt nach oben und schaue in der großen Truhe nach, ob ich eine gerettet habe und wenn ja,gebe ich ihr einen Namen, sage ihr, dass du sie lieb hattest und drücke sie ganz fest.

Eine Antwort hinterlassen