Mit den Jahren.
Dezember 31, 2008
Siggi* war der Daddy der Straße und wir liebten, als wir klein waren, in seiner Nähe zu sein. Er schien immer so groß und gebildet in seinem weißen Arztkittel; mit seiner Pfeife und seiner Harley. Er ging mit seinen Freunden segeln und wir konnten seine Rückkehr kaum erwarten. Siggi liebte seine Kater und seine Koi-Karpfen. Aus diesem Grund wollte er immer den Fischreiher erschießen. Das machte großen Eindruck auf uns.
Mit meinem Vater rollte er riesige Steine aus dem Wald, wie Trophäen zeigten sie sie den Nachbarn und bauten Mauern und Treppen aus ihnen.
Einmal im Jahr impfte Siggi uns Kinder, wir versteckten uns dann zwischen den Häusern, hatten aber schnell ein schlechtes Gewissen und ließen uns tapfer impfen. Siggis Tochter war meine beste Freundin.
Als wir älter wurde erkannten wir seine Fehlbarkeit, seine Menschlichkeiten: Er fuhr viel zu schnell durch unsere Spielstraße, auf dem Tennisplatz wurde er unhöflich und sein ältester Sohn verachtete ihn. Er war weicher als sein Vater, zarter, weiblicher. In seinem Auto stank es erbärmlich nach abgestandenem Zigarrenrauch, Schweiß und Arzneimitteln, hinzu kam ein unerträglicher Fahrstil und so hatte ich mich einige Male übergeben müssen, es aber immer zu verstecken versucht, denn seine Aura, die durch unsere Kinderaugen so heilig schien, war noch immer nicht ganz verblichen.
Mit den Jahren verflog unsere Faszination für Siggi gänzlich.
Eines Tages sprang er von der Brücke. Ein Schulkamerad fand ihn.
Die Tochter beginnt bald ihr Medizinstudium, der Sohn heiratet, die Frau raucht wieder.
Vor wenigen Monaten wurde das Haus verkauft. Eine neue Ärztefamilie. Sie fahren einen Touareg und von meinem Badezimmer sieht man den Mann manchmal auf dem Balkon rauchen.
Ich kenne dieses Haus in- und auswendig, jeden Fleck des Mamorbodens, jeden Winkel des Wohnzimmers. Die Treppe hat ein weißes Geländer, das sich vom Erdgeschoss in die zweite Etage durchzieht. An der nördlichen Hauswand in ca. 2 Meter Höhe ist der Putz abgebröckelt, weil wir als Kinder unseren Basketball immer dagegen warfen.
Natürlich sind diese Dinge nichts mehr wert für mich, aber nun gehören sie Menschen, die ich nicht kenne und Siggi weiß nicht einmal wie es den Karpfen im Teich geht.
Ob er ein tragischer Held ist?
Der Held ist mit dem letzten Funkeln der Kinderaugen bereits gestorben und seine Tragik hat wahrscheinlich weniger das Schicksal als er selbst sich auferlegt.
Das Kind in mir allerdings trauert noch immer, die Erwachsene in mir denkt.
Ich wünsche dir strahlende Kinderaugen. Ruhe in Frieden.
————————————————————————————————————————————–
Siggi* was the Daddy of our road and we loved to be closed to him, when we were young. He always appeared so huge and sophisticated in his doctor’s overall, with his pipe and his Harley. He went sailing with his friends and we couldn’t wait for his return. Siggi loved his cats and his koi-carps. That was the reason why he always wanted to kill the heron. That sincerely impressed us.
With my father he rolled huge stones out of the forest and they built walls and stairs with them, then proudly presented them to the neighbours.
Once a year he inoculated all of us kids, we tried to hide between the houses, but immediately had a bad conscience and bravely underwent the inoculation. Siggi’s daughter was my best friend.
We got older and we recognized his fallibility and humanities: He drove much too fast in the road, on the tennis court he became rude and his oldest son despised him. He was softer than his father.
His car stank of old cigar smoke, sweat and medicine, further he had that particular driving style and so I had to throw up sometimes, always tried to hide it, ‘cause his aura through childish eyes, which seemed so holy still didn’t disappeared completely.
But with the years our fascination for Siggi passed away.
One day he jumped from a bridge. A schoolmate of mine found him.
His daughter is starting to study medicine, his son married and his wife started to smoke again.
Some months ago their house was sold. A new doctor family. They’ve got a Touareg and from my bathroom I sometimes see the man smoking on the balcony.
I knew that house inside out, every mark of the marmoreal floor, every centimetre of the living room. The stairrail was white and continued from the ground to the second floor. The plaster of northern house wall was dropped off ‘cause we always played basketball at that wall.
Of course those things don’t mean anything to me anymore, but now they belong to people who I don’t know and Siggi even doesn’t know how his koi-carps are.
If he is a tragic hero?
The hero probably already died with the last sparkle of our childish eyes and his tragedy is less caused by this destiny than by himself.
The child in me still grieves, and the woman in me still thinks.
I wish you sparkling eyes surrounding you. Rest in peace.
—
* name was changed/ Name geändert
Einfach mal: Vögel.
Dezember 30, 2008
Zitat der Woche.
Dezember 30, 2008
Frohe Weihnachten.
Dezember 24, 2008
Wenn eine überirdische Liebe…
Dezember 22, 2008
Wenn eine überirdische Liebe, unantastbar wie der Himmel selbst, plötzlich ihre Flügel verliert und irdisch zu verweilen droht, wird sie mit jeder verlorenen Feder an Glanz und Herrlichkeit einbußen. Der Zauber verfliegt wie die Wolke am Himmel, die sich plötzlich auflöst, wie der Regenbogen, der nur von der Ferne schön ist.
Irdische Alltäglichkeit und menschliche Fehlbarkeit wird die unantastbare Liebe ergreifen und vernichten und nur die Erinnerung an die grenzenlose Schönheit wird zurückbleiben.
—
If a heavenly love, untouchable like heaven itself, suddenly loses its wings and impend to linger earthly, it will lose with ever lost feather beauty and glory. The magic disappears like a cloud in the sky that suddenly dissolves, like the rainbow whose magnificence only from the distance is recognizable.
Earthly everyday occurrence and human fallibility will grasp and destroy the inviolable love and only the memory of the endless beauty will remain.
Weihnachten in Siena. Natale a Siena.
Dezember 13, 2008
Hermann Hesse
The Redeemer
Over and over, he will be reborn as man
He speaks to the pious, he speaks to deaf ears
He comes near us, and once again loses us.
Over and over, alone he must rise above
Carrying the trouble and yearning of all brethren.
Over and over, he will once again be struck unto the cross.
Over and over, God will make himself known
Through the valley of sins he will heavenly flow
Flesh of the spirit he will transcend, he who is eternal.
Over and over, in these days too
The Redeemer is on the way to bless all
To meet with still glances
Our fears, tears, doubts, and laments.
Yet, this look, we dare not return
Since only the eyes of children can bear it.
Hermann Hesse
If I was a radiostation, he would be the musicdirector.
If I was the mossad, he would be the best agent.
If I was a vampire, he would be the first I vampired.
If I was the president, he would be the first lady.
If I was the world, he would be the king of it.
Heute ist es geschehen…
Dezember 11, 2008
Heute ist es geschehen. Zum ersten Mal ist mir ein Wind des Rassismus entgegengeweht. Er war eisig.
Ich wollte mein Learning Agreement aktualisieren. Meine Bonner Betreuerin versicherte mir, dass das auch zu diesem Zeitpunkt kein Problem sein würde und auch mein italienischer Koordinator unterschrieb lächelnd das Dokument. Mit meiner „Ich-habe-Hund“-Französin (nein, das ist kein rassistischer Ausdruck) betrat ich trotz erneut einsetzenden Regens frohen Mutes das ERASMUS-Office. In viel zu schnellem und unfreundlichem Italienisch wurde mir zunächst gemotzt, dass Änderungen nicht mehr vorgenommen würde. Auf meinen wahrscheinlich halb dümmlichen halb erstaunten Gesichtsausdruck wurde dann hinzugefügt: „Wir sind eben nicht wie die Deutschen!“ Das sagte sie allerdings nicht auf eine charmant ironische, zumindest konnte ich trotz größter Anstrengung nicht einmal eine Ahnung von Charme oder Ironie erkennen, sondern auf eine bitter ernste Weise. Mein neuer Gesichtsausdruck muss sie zu der nun folgenden und äußerst taktvollen Frage motiviert haben: „Woher kommst du eigentlich?“. Die auf meine Antwort folgende Entschuldigung sollte sich im Nachhinein als reine Heuchelei, wenn nicht sogar als purer Sarkasmus herausstellen. Ich misstraute sowohl ihr wie auch der Entschuldigung von vornherein. Nun wurde mir in immer noch viel zu schnellem Italienisch (FRAU, DU ARBEITEST IN EINEM ERASMUS-BÜRO) erklärt wie überbürokratisch die Deutschen wären, dass sie Dinge machen, die keinen Sinn haben und dass ich mich als Deutsche nun einmal den italienischen Regeln anpassen müsste. Meine Anmerkung, dass das Dokument, das ordentlich ausgefüllt vor mir lag, aber keinen Sinn machen würde, wenn man es eh nicht benutzen dürfte, sollte ich noch vor Beendung meines Satzes bereuen. Denn nun kam Unterstützung in Form einer mindestens so unfreundlichen Kollegin, die sich aber glücklicherweise auf völlig übertriebenes Kopfnicken beschränkte, natürlich nur wenn die verehrte Kollegin sprach. Da diese gerade so richtig Gefallen daran gefunden hatte, bemotzen und benickten sie mich im Gleichtakt und pausenlos und als die Französin dann noch versuchte mich zu unterstützen, war ich völlig am Ende, packte das Dokument ein und bedankte mich übertrieben freundlich für das ausführlich, wenn auch sehr einseitige Gespräch. So sind die Deutschen eben.






















